Mehran A. Zanganeh
Furie oder Übergang zum
Globalkolonialismus?
Vorwort
Drei Kriege:
Golf-, Jugoslawien- und der Afghanistankrieg weisen auf ein neues Phänomen hin,
nämlich auf eine neue Vorgehensweise der Zentrenstaaten. Damit wird eine Frage gestellt,
die eine theoretische Analyse bedarf: Warum führen die Zentrenstaaten zusammen
Kriege auf der Welt, obwohl doch jeder von ihnen rein militärisch gesehen in
der Lage ist, einen kriegerischen Konflikt alleine durchzuziehen (wie z. B.
beim Falklandkrieg)? Ist dies eine neue Ära in der Weltgeschichte?
Es scheint mir,
dass wir in einem neuen Prozess auf Weltebene verwickelt sind, der sich seit
dem Zusammenbruch des Ostblocks beschleunigt und neu gestaltet hat. Im
Unterschied zu den Vergesellschaftungsprozessen in einer Gesellschaft (Land),
in der wir uns alle überwiegend als Objekte ausgesetzt sehen und unsere
spezifische individuelle und kollektive Identität verteidigen müssen, will ich diesen
Umstand als einen Assimilations- bzw. Disziplinierungsprozess auf Staatenebene bezeichnen,
obwohl er ähnliche Aspekte wie Vergesellschaftungsprozesse aufweist.
Weltstaat und
Globalkolonialismus
Über die
übernationalen Staaten, die darauf abzielen, die Verwertungsbedingungen des
Kapitals in einem übernationalem Raum zu garantieren und zu verbessern, ist besonders
im Rahmen der Entstehung der Wirtschaftsräume in Europa, Amerika und
Südostasien viel geschrieben worden.[1]
Obwohl in diesen Texten die Rolle der national und international strukturellen
und konjunkturellen Wellen[2]
i. d. R. nicht berücksichtigt worden sind, begnügen wir uns dennoch mit diesen
und diskutieren nicht über diesen Aspekt des Weltgeschehens.
Geht man davon aus, dass im Vergleich zu den
vorkapitalistischen Gesellschaften, in denen die Intervention der überökonomischen
Kräfte in den ökonomischen Moment für die Herrschenden notwendig sind, um das
gesellschaftliche Mehrprodukt anzueignen (wegen der Besitz- und
Eigentumsverhältnisse), und im Kapitalismus der Aneignungsprozess automatisch
verläuft (wie Betelheim (1970) in „Ökonomischer Kalkül ...“ behauptet), dann
verkennt man die Notwendigkeit der permanenten Präsenz des Staates und des
Überökonomischen im Aneignungsprozess im Kapitalismus. Ebenso vernachlässigt
man die Rolle und die Sonderstellung der Peripherien im Akkumulations- bzw.
Reproduktionsprozess auf Weltebene, wenn man von einem „Automatismus“ ausgeht,
und daher kann man die Interventionen der Zentrenstaaten in Peripherien nur
defizitär und unbefriedigend erklären und überhaupt nicht die Möglichkeit der Entstehung
des Weltstaats als Garant der Akkumulations- bzw. des Reproduktionsprozess auf
Weltebene begreifen. So eine Betrachtungsweise, die von dem „Automatismus“ des
Aneignungsprozess ausgeht, ist m. E. gefangen in den Klassisch-Neoklassischen
Ideologien bzw. Denkweisen. Hinsichtlich der Möglichkeit der Entstehung eines
Weltstaates spielt keine Rolle, ob wir den Staat als Unterdrückungsapparat nach
Leninscher Staatsauffassung betrachten, die Gramsciane Staatsauffassung
–Integralstaat- vertreten oder sogar eine bürgerliche Auffassung befürworten.
Es genügt, wenn nur der Staat als Garant der Reproduktion der sozialen
Verhältnisse und damit als Garant der Stabilität eines Systems, in dem der
Staat als ein Teilsystem eingebettet ist (abgesehen von seiner Form) verstanden
wird.
Der Punkt,
nämlich die Möglichkeit der Entstehung des Weltstaats als Garant des
Akkumulations- bzw. des Reproduktionsprozesses auf Weltebene (und in diesem
Zusammenhang die Assimilations- bzw. Disziplinierungsprozesse), ist uns nur
hier wichtig und daher betonen wir, dass jeder Reproduktionszyklus mindestens
auf Weltebene politisch vermittelt ist. Wenn diese Vermittlung politisch sein
sollte, dann müssen die Apparate, die dazu notwendig sind, entstehen. Betrachten
wir genauer die bestehenden internationalen Apparate und deren Funktionsweise,
z. B. UNO-Sicherheitsrat, das institutionalisierte G8-Staatentreffen, WTO, IWF,
Internationaler Gerichtshof im Haag, die Entstehung internationaler Medien, die
dem Kern einer internationalen Weißzivilgesellschaft gleichkommen usw., dann
erkannt man, dass sie längst entstehen sind und im Sinne der Aufrechterhaltung
der Struktur der bestehen Hierarchie auf Weltebene, nämlich die Hierarchie
zwischen Peripherie-Zentrum[3]
funktionieren, die selbst für den Garant der Beziehung zwischen Arbeit und
Kapital notwendig ist. Funktionieren sie als Garant der Reproduktion der
sozialen Verhältnisse und damit als Garant der Stabilität eines Systems, erhalten
sie die asymmetrische Machtbeziehung auf der Welt und sind sie selbst deren
Kristallisierung, dann machen sie den Kern eines Staates aus. Es bleibt übrig die
Monopolisierung der Gewalt für die Vollendung der Entstehungsprozess des
Weltstaat in eigentlichem Sinn, die m. E. im Gang ist. Im Folgenden versuche
ist die materielle Grundlage der Tendenz dazu darzustellen. Die Grundlage der
Tendenzen für die Entstehung eines Weltstaats bilden 1) die nationalen
strukturellen Wellen in den Peripherien und die internationalen Wellen, die von
den Peripherien ausgehen. 2) die Multinationalen Konzerne (als die veränderte
Form des Produktionsapparats im Vergleich der Produktionsapparate vor dem 2.
Weltkrieg) und deren permanenten Fusionen, also die Internationalisierung der Eigentum-
und Besitzverhältnisse und die Verteilung des Mehrwerts über diese Konzerne
unter verschiedenen Eigentümer (Teile der Kapitalisten) der verschiedenen
Nationen, die zur Verschmelzung der Interessen der Zentrenstaaten bezüglich der
Weltwirtschaftshierarchie - die Zentren-Peripherie-Struktur - führt, 3) die letzte
technologische Revolution.
Der dritte
Punkt, nämlich die letzte technologische Revolution, also die Rolle der
Entwicklung der Produktivkräfte in der Entwicklung der Überbauten braucht eine
ausführliche Analyse, die hier nicht durchgeführt werden kann. Nur soll hier
erwähnt werden: Die letzte technischen Revolution, besonders die Entdeckung der
neuen Kommunikationswege und Formen, öffnet neue Felder, derer Regulierung,
also die Aufrechterhaltung der Hegemonie der Herrschenden eine international
gemeinsame Politik der Herrschenden, neue Ideologien usw. bedarf. Es geht hier
letztendlich um Kontrolle der strategischen Informationsproduktion und
–reproduktion, also um hegemoniale Apparate im Sinne von Gramsci.
Peripherie-Zentrum-Struktur
In der
Neokolonialismusepoche ist eine strukturierte Herrschaftshierarchie im
Weltmaßstab zustande gekommen, die immer noch für die Westblockstaaten gilt.[4]
Es gibt, ökonomisch gesehen, drei Hauptmaßstäbe zur Bestimmung, wo ein Land in
der westlichen internationalen Hierarchie platziert wird: 1) Der Platz der
Währung eines Landes in der Währungshierarchie, die selbst aufgrund der Größe
der letztendlich von den realwirtschaftlichen Faktoren determinierten
verschiedenen Währungsräume zustande kommt[5],
2) das Lohnniveau des Landes in der Löhnniveauhierarchie auf der Welt, woraus
die Hierarchie der Lohnniveauräume resultiert, und 3) die Rolle des Landes in
der internationalen Arbeitsteilung oder der Platz seiner Produkte in der
(vertikalen) Produktionstiefe bzw. im internationalen Produktionsprozess. Diese
gelten auch für die Integration der Ostblockstaaten in der Welthierarchie, die
gerade im Gang ist. An dieser Stelle kann die Entstehungsgeschichte des
Kompetenzgefälles zwischen Peripherien und Zentren und der verschiedenen Erscheinungsformen
der Peripherisierungsdrucke nicht dargestellt werden, die zu der Welthierarchie
geführt haben.[6]
Da im
Zusammenhang mit der Welthierarchie die niedrigen Löhne in den Peripherien für
die Reproduktions- bzw. Akkumulationsprozesse im Weltmaßstab eine strategische
Rolle spielen und weil sie die materielle Grundlage der nationalen
strukturellen Wellen in diesen Ländern und die von diesen ausgehenden
internationalen Wellen auf der Welt bilden, begnügen wir uns mit der
Darstellung des zentralen Drucks im Peripherisierungsprozess, nämlich mit dem
Druck, der für die Aufrechterhaltung und für die Perpetuierung der niedrigen
Löhne (oder Lohndifferential im Weltmaßstab) sorgt, und weisen auf die Rolle
der Niedriglöhne in der Reproduktion des Weltwirtschaftssystems und die
strukturelle Armut in diesem System hin.
Die
entscheidende Verbindung in einem autozentrierten Wirtschaftssystem, das über
einen relativ selbsttragenden dynamischen Entwicklungsmechanismus verfügt, ist
diejenige, die Abteilung 1 und die Abteilung 2 im Marxschen Sinn verknüpft. [7]
Wie Rosa Luxemburg gezeigt hat[8],
begründen die Missverhältnisse zwischen ihnen (der Abteilung l und der
Abteilung 2), werttheoretisch gesehen, die Expansion des Kapitalismus in nicht
kapitalistischen Gesellschaften zum Zweck der Realisierung des Mehrwerts.
Bekanntlich ist aber gezeigt worden, dass es theoretisch gesehen möglich
ist, dass sich das System ohne eine Expansion in präkapitalistische
Gesellschaften reproduzieren kann, wenn bestimmte Bedingungen bezüglich der Verteilung
des Einkommens (Löhne und Mehrwert, der die verschiedene Formen u. a. Profit
annimmt) und der Wachstumsrate der Abteilungen erfüllt sind. Im Rahmen der
kritischen politischen Ökonomie wird gezeigt,[9]
wie der Widerspruch zwischen Produktionskapazität und Konsumkapazität, der sich
in den konjunkturellen Schwankungen ausdrückt, immer wieder durch
Wiederherstellung der objektiv notwendigen Mehrwertrate, die im wesentlichen
die gesellschaftliche Verteilung bestimmt, gemeistert wird. Die objektiv notwendige
Mehrwertrate, die sich in einer bestimmten Nachfragestruktur niederschlägt, ist
diejenige, die theoretisch den vollkommenen Tausch (werttheoretisch gesehen)
zwischen beiden Abteilungen ermöglicht. Die objektiv notwendige Mehrwertrate im
Marxschem Sinne und daraus resultierende Reallöhne, die theoretisch den
Reproduktionsprozess ermöglichen, zunächst im Rahmen des Konkurrenzkapitalismus
in Zentren national bestimmt wurden, werden heute international bestimmt. Die
objektiv notwendige Mehrwertrate ist aber nie in Peripherieländern im
nationalen Rahmen bestimmt worden. Sie wird immer von einem
Akkumulationsprozess, in dem die Peripherieländer eine untergeordnete Rolle
spielen, bestimmt, und verliert so gesehen im Rahmen des Peripheriekapitalismus
(abgesehen von der biologischen Untergrenze) aufgrund der Nichtexistenz der
Abteilung 1 oder der extremen Missverhältnisse zwischen den Abteilungen ihre
objektive Notwendigkeit, und genügt daher nicht den Anforderungen der
Reproduktion und der Entwicklung der Peripherien, sondern des
Weltwirtschaftssystems. Das bedeutet, in einer Peripherie nimmt ein Teil des
Imports den Platz der Abteilung 1, oder die Abteilung 2 in Peripherie soll der
2. Abteilung der Zentren zugefügt werden, wenn es gelten würde, dass überhaupt keine
Spur von Abteilung 1 in der Peripherie existiert, dann kann die notwendig
objektive Mehrwertrate für die gesamten Zentren + Peripherien errechnet werden.
Wenn die Löhne in den Zentren als gegeben angenommen werden, wobei beachtet
werden soll, dass sie in Zentren aufgrund des vorangegangenen Kampfs
institutionell bestimmt werden, dann ergibt sich aufgrund des vollständigen
Austauschs zwischen den Abteilungen der Gesamtlohnaufwand in der Peripherie,
der i. e. Linie auf dem Arbeitsmarkt in der Peripherie bestimmt wird (unter der
Berücksichtigung der Unterdrückung), d. h. die Löhne genügen den Anforderungen
des Markts oder werden von einem Rest gespeist.
Die
Notwendigkeit von Niedriglöhnen kann anders auch an Plausibilität gewinnen:
wenn man bedenkt, dass die in der Peripherie im Exportsektor produzierten
Produkte, Rohstoffe und Lebensmittel jeweils ein konstitutives Element des
konstanten Kapitals und des variablen Kapitals in Zentren bilden.[10]
Somit wird klar, dass die Bestimmung der Mehrwertrate und folglich der
Reallöhne im dominanten Exportsektor der Peripherie in erster Linie nichts mit der
Reproduktion der Produktionsweise in diesen Ländern zu tun hat, sondern mit
einer notwendigen Hierarchie, nämlich die der Lohnniveauhierarchie auf
Weltebene, die in einem von Zentren dominierten System die Reproduktion des
Systems mit den bestehenden Mehrwertraten ermöglichen. Steigen die Reallöhne in
den Peripherien, dann steigt der Preis sowohl der importierten Lebensmittel als
auch der Rohstoffe (c) im Westen und demzufolge sollten die Reallöhne (v) in
den Zentren auch steigen, wenn der Lebensstandard der Arbeitenden im Westen
konstant bleiben soll. Die gestiegenen Reallöhne (v) und der Rohstoffpreise (c)
treiben die Produktionskosten in die Höhe und machen dadurch den Mehrwert
zunichte.
Ist man, wie
Hoffmann (1931), Emmanuel (1972) u. a. der Meinung, dass die Entwicklung auf
kapitalistischer Weise durch die ungleichmäßigen Expansionen der Märkte
vorangetrieben wird und die Löhne ein konstitutives Element dieser Expansionen
sind, dann erkennt man die wesentliche Rolle der Löhne in diesem Zusammenhang
und dann soll der Druck auf die Löhne als ein Peripherisierungsdruck erfasst
werden.
Verfestigt wird dieser Peripherisierungsdruck durch die extreme Heterogenität des Entwicklungsstands der verschiedenen Teile der Wirtschaft und der Gesellschaft in Peripherien, weil der Exportsektor nur durch die Unterentwicklung des Rests der Wirtschaft mit der billigen Arbeitskraft versorgt werden kann. Des Weiteren impliziert diese auf den niedrigen Löhnen beruhende Verteilung eine bestimmte Importstruktur, die durch die Nachfragestruktur der Profitbezieher und der Mittelklasse, welche sich am Konsummodell in den Industrieländern orientieren und deren Nachfrage daher eine Nachfrage nach „Luxusgütern“ darstellt (Peripherisierungsdruck von "unten"). Charakterisierend für die Akkumulation des Kapitals in der Peripherie ist die Verbindung zwischen dem Exportsektor und der Versorgung der Profitbezieher und der Mittelklasse mit Luxusgütern (wenn man in dieser Hinsicht überhaupt von Akkumulation im Marxschem Sinn reden darf).
Die Theorie des ungleichen Tauschs, obwohl ihre erste Fassung von Emmanuel korrigierensbedürftig ist, ist hier, nämlich für die Analyse der außenwirtschaftlichen Beziehungen relevant. Die außerordentliche Bedeutung dieser Theorie besteht nicht nur darin, den einseitigen Werttransfer von der Peripherie in die Zentren, also Existenz des ungleichen Tauschs zwischen Peripherien und Zentren zu begründen, sondern die entwicklungshemmende Rolle der Niedriglöhne in der kapitalistischen Art der Entwicklung darzustellen und zu zeigen, wie sie auf die Reproduktion der Peripherie und deren Zementierung einwirken.
Es ist zu
beachten, dass die Niedriglöhne die Existenzgrundlage des einheimischen
Kapitals unter Berücksichtigung der Produktivität der Arbeit und des Kapitals
in diesen Ländern bilden. Ein großer Teil des sich in Peripherieländern
befindenden Kapitals kann sich nicht verwerten, wenn sich die Löhne in
Peripherien c. p. auf das Niveau der Löhne in den Zentren anheben. Daher bilden
sie nicht nur ein notwendiges Moment im weltweiten Akkumulationsprozess,
sondern auch für den verzerrten Akkumulationsprozess auf der nationalen Ebene.
Die Notwendigkeit der Niedriglöhne in den Peripherien begründet nicht nur die
Notwendigkeit der Immobilität der Arbeit auf Weltebene, sondern liefert auch
die Begründung der asymmetrischen Machtbeziehung zwischen Arbeit und Kapital.
Denn: Abgesehen davon, dass diese ungleiche Beweglichkeit selbst eine asymmetrische
Machtbeziehung ist und produziert, spaltet sie darüber hinaus die Arbeitenden
auf der Welt in besser verdienende und schlecht verdienende und demzufolge wird
diese Spaltung auch zur Grundlage der asymmetrischen Machtbeziehung zwischen
Arbeit und Kapital auf Weltebene. In diesem Sinne hat die Immobilität der
Arbeit eine ideologische und auch eine politische Bedeutung. Wenn die Arbeit
mobil wäre, dann könnten die Löhne sich tendenziell angleichen, wodurch die
Machtverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital, in dem das Kapital dominant ist,
nicht so bleiben, wie sie sind.
Einerseits
führt die Angleichung der Löhne auf der Welt dazu, dass die Illusion eines
guten und eines schlechten Kapitalismus beseitigt wird, andererseits wird den
Herrschenden die Grundlage der Bedrohung der Arbeitenden mit der Flucht des
Kapitals entzogen.
Akzeptieren wir
die Notwendigkeit dieses Gefälles zwischen Nord und Süd als die Bedingung für
die Verwertung des Kapitals, und gehen wir davon aus, dass diese während der
letzten 5 Jahrhunderte strukturell verankert, währenddessen die Peripherien
kapitalistisch organisiert worden sind, dann ist es zu akzeptieren, dass 1)
jeder Faktor, der die innere Hierarchie in Peripherien und die Hierarchie auf
der Welt destabilisiert, aus der Sicht der Herrschenden auf der Welt aus der
Welt geschafft werden muss, 2) die Epoche der Peripheriestaaten, der
interventionistischen Staaten, mit der Vollendung des Übergangs von Präkapitalismus
zum Peripheriekapitalismus in den Peripherien zu Ende ist.
Daraus folgt:
In der gegenwärtigen Epoche ist die Intervention ins Marktgeschehen der Peripherien
in dem Ausmaß der vorangegangenen Epoche, wo sich der Peripherenkapitalismus durchgesetzt
hat, nicht mehr nötig; also ökonomisch gesehen sollen die Peripheriestaaten
sich in, einen „Laissez Faire Laissez Aller“ Staat, in einen s. g.
„Nachtwächterstaat“, in einen Protektoratstaat, wie es der IWF mit seinem
Strukturanpassungsprogramm fordert, verwandeln.
In den
vorangegangenen Epochen wurde die Infragestellung der internen Hierarchie und
der Welthierarchie von der Bevölkerung dieser Länder üblicherweise mit Putschen
und in mehreren Fällen mit direktem Krieg beseitigt.
Die Form des
Staates, hier des Peripheriestaats ist deshalb nicht nur bedingt durch die
inneren nationalen strukturellen Wellen, sondern auch durch die internationalen
strukturellen Wellen. In manchen dieser Länder, zum Beispiel Bolivien, kann
nicht von permanenter Revolution, sondern von der permanenten Konterrevolution
gesprochen werden. In anderen Fällen, wie z. B. im Iran, wo die Situation nicht
so instabil wie in Bolivien gewesen ist, kann gesagt werden, dass die Form des
Staates durch folgende Wellen (seit der Geburt des modernen Staats im Iran)
bestimmt wurde: 1909, 1924, 1942, 1954, 1964, 1979, 1981, 1982. In jeder dieser
Wellen kann die direkte und indirekte Anwesenheit der Zentrenstaaten gezeigt
werden.
Der Unterschied
zwischen Zentren und Peripherien als Gesellschaftsformationen besteht u. a. darin,
dass sich jede konjunkturelle Welle in der Peripherie in eine strukturelle
Welle verwandeln kann, im Gegensatz zu den konjunkturellen Wellen in den
Zentren, die sich im Moment in verschiedenen Wahlergebnissen ausdrücken. Das
bedeutet, dass der Staat als Kohärenzfaktor in der Gesellschaft nicht in der Lage
ist, den Vergesellschaftungsprozess in den Peripherien aufrechtzuerhalten,
woraus resultiert, dass der Vergesellschaftungsprozess kein kontinuierlicher
Prozess in diesen Ländern ist. Die Inkontinuität ist nicht dadurch verursacht,
dass dem Peripheriestaat oder dem Protektoratstaat die Kultur- und
Ideologieapparate fehlen, wie manche s. g. Linken für deren Aufbau und
demzufolge den Aufbau einer „Zivilgesellschaft“ sprechen[11],
sondern weil dort die ökonomische Grundlage solcher Prozesse fehlen, die
wiederum letztendlich durch die Notwendigkeit der Niedriglöhne und demzufolge
aufgrund der strukturellen relativen Armut als Verwertungsbedingung des
Kapitals begründet ist. Die Existenz der Zivilgesellschaft, im Sinne der
Existenz der dazu aufzuzählenden Institutionen, Organisationen, Apparate,
braucht keine Begründung, es reicht, wenn man sich nur die Statistiken anschaut
und feststellt, wie viele Moscheen, Schulen, Universitäten, Radiosender,
Fernsehsender .... es z. B. im Iran oder in Ägypten gibt: Auf jeden Fall mehr
als zur Zeit Gramscis in Italien. Es fehlen nur solche Organisationen, die
Verteilungsart und Verteilungsschlüssel, also die strukturelle Armut in Frage
stellen können, nämlich die unabhängigen Gewerkschaften und die politischen
Parteien. Genauer gesagt: es fehlen diejenigen Organisationen, die dem
peripheren Status und daher der Weltwirtschaftshierarchie nicht konform sind.
Diese werden nicht von oben, staatlich, organisiert, sondern von unten und
durch den Kampf.
Die
Zivilgesellschaft, im Sinne der Staatsapparate, die Kultur und Ideologie
produzieren und reproduzieren, kann aber nur eine untergeordnete Rolle in
Gesellschaftsreproduktion spielen, d. h. diese Staatsapparate können die
strukturelle Armut nicht ideologisch oder kulturell begründen und auf Dauer das
fehlende Essen auf dem Tisch, dem Willen Allahs oder der Faulheit der
Arbeiterschaft beimessen. Hunger hat keinen Glauben (eine alte Weisheit).
Da die
Ungleichheit bzw. die Ungleichmäßigkeit ein immanentes Charakteristikum der auf
der reinen Marktwirtschaft basierenden Entwicklung des Kapitalismus ist, kann
nur diese Ungleichmäßigkeit die Intervention eines
"Entwicklungsstaates" in der Peripherie entgegentreten, wie die des
Bismarckschen Staats in Deutschland, des Meijistaat in Japan, des Stalinschen
Staat in Russland usw. So ein Staat kann den Platz eines Landes in der
Welthierarchie verbessern, aber die weltsystembedingte Struktur des
Peripherie-Zentrums auf der Welt nicht beseitigen. Die Tatsache, dass die
Entstehung solcher Staaten in einem friedlichen Prozess aufgrund der
herrschenden internationalen Zusammenhänge, oder wie zu recht Wallerstein
(1988) behauptet, aufgrund von „constraintes globales sur les rapport de force
locaux“ höchstwahrscheinlich nicht möglich ist, sichert die Erwartung, dass es
immer wieder Aufstände in der Peripherie (aufgrund der hier kurz dargestellten
strukturellen Armut) geben wird, die von den betroffenen Staaten nicht unterdrückt
werden können und falls es nicht dem betroffenen Staat gelingt, muss eine
fremde Kraft diese unterdrücken. Wenn man davon ausgeht, dass die Aufteilung
der Welt nicht mehr wie in der Kolonial- oder Neokolonialzeit erfolgt, sondern
die Extraktion des Mehrwerts aus Peripherien hauptsächlich durch immer
wachsende multinationale Konzerne organisiert wird, dann ist zu erwarten, dass
diese fremde Kraft höchstwahrscheinlich eine Internationale sein, und diese für
die Unterdrückung dieser Völker einen permanenten Unterdrückungsapparat
benötigen wird. In diesem Sinne ist und wird die Notwendigkeit eines
Weltstaates im Einklang mit der Entwicklung der Multis und mit der
Aufrechterhaltung der Welthierarchie, besonders der Hierarchie der
Währungsräume und der Lohnniveauräume, mit anderen Worten die Erhaltung der
strukturellen Armut, begründet.
Gleichzeitigkeit
und Ungleichzeitigkeit
Weltstaat und
Multinationale Konzerne
Zwei Arten der
Betrachtung: Die eine beruht auf dem Konzept der s. g. "expressiven"
Totalität und daher, das Ökonomische, was in der letzten Instanz determinieren
sollte, käme unmittelbar zum Ausdruck[12],
und so der relativen Autonomie der anderen außerökonomischen Instanzen nicht
Genüge tut, und sie mit ihrer Gleichzeitigkeitsauffassung verletzt. Die andere
beruht auf dem s. g. "strukturellem Ganze" und versucht durch den
Ungleichzeitigkeitsbegriff der relativen Autonomie der politischen und der
soziokulturellen Instanzen Genüge zu tun, vergisst dabei die "Stunde"
der Wirtschaft als letztendlich determinierende Instanz, welche im Rahmen
dieser Art Analyse nie schlägt, -mildere ausgedruckt, hat den Anschein nie zu
schlagen.[13]
Diese sind zwei
Auffassungen, die nie in der Lage sind, die konkrete Totalität in ihrer
Komplexität sowohl in einer konkreten Situation als auch im Geschichtsprozess
zu erfassen. Die beiden Positionen weisen aber jeweils auf eine reale und
wirksame Tendenz hin, die die andere m. E. nicht ausschließt. Eine ist die
Tendenz zur Kohärenz der Gesellschaft (man kann sie als Tendenz zur
Gleichzeitigkeit auffassen), die andere (hier aufgefasst als die Tendenz zur
Ungleichzeitigkeit), die Tendenz zur Autonomie der verschiedenen Instanzen, d.
h. die autonome Entwicklung sowohl einer Instanz als auch der verschiedenen
Momente einer Instanz.[14]
Jede dieser Tendenzen kann jeweils gegensätzlich in Gegenrichtung der anderen
einwirken.
Diese Tendenzen
sind aber im Rahmen eines sich auf Marx berufenen Diskurses nicht gleich in
Durchsetzungskraft. Eine gehört, philosophisch gesehen, zum Bereich der
Notwendigkeit, die andere zum Bereich der Möglichkeit, je nach dem aus welcher
Warte, wann man den Sachverhalt betrachtet und was den Gegenstand der Analyse
ausmacht.
Die Tendenz zur
Gleichzeitigkeit realisiert sich über die Artikulation verschiedener Momente
und Strukturen bei der Überwindung der Krisen (die selbst aufgrund der Existenz
der anderen Tendenz begründet sind).[15]
Diese setzt sich notwendig und letztendlich aber bedingt durch Art und Weise
der Artikulationen durch. Wenn nicht, vorausgesetzt, dass die Bedingungen eines
historischen Übergangs da sind, kann das historische Subjekt das System aufgrund
der Krisen zum Zusammenbruch bringen. Analysiert man die Beziehung zwischen
Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit im Rahmen einer Krise, die überwunden
worden ist, dann ist die Tendenz zur Gleichzeitigkeit eine Notwendigkeit und
die dominanten Tendenz. Dagegen analysiert man sie während oder vor einer
Krise, dann wird die Tendenz zur Gleichzeitigkeit zu einer Möglichkeit. Nach
der Krise wird wiederum die Tendenz zur Ungleichzeitigkeit, aufgrund dessen die
Krisen entstehen, zu einer Notwendigkeit, wobei die konkrete autonome
Entwicklungsform dieses oder jenes Moments nur möglich ist. Diese
Möglichkeit beruht auf dem Eigenleben und auf dem Eigeninteresse der sozialen
Mikro- oder Makrogebilde und ungleiche Entwicklung der verschiedenen Momente
des Sozialen Lebens.
Die beiden
Tendenzen sind von Gramsci erfasst. Die Möglichkeit der Autonomie (die Tendenz
zur Ungleichzeitigkeit) erfasst er, wo er die organische Krise hinsichtlich der
Parteien (in Italien) analysiert, deren Bürokratie sich zum dominanten Moment
des Parteilebens machte und jenseits der anderen strukturellen Elemente einer
Partei stellten, wodurch die Partei zu einer achronischen sozialen Gebilde wurde.
Ein Beispiel für die Tendenz zur Gleichzeitigkeit bei Gramsci ist mit dem
Begriff "passive Revolution" ausgedrückt.
Betrachten wir
die Produktionsapparate (multinationale Konzerne) und die politischen Apparate
(Staat), dann springt die relativ auseinander laufende Entwicklung (Ungleichzeitigkeit)
zwischen diesen zwei Momenten in die Augen. Während der nationale Staat eine
nationale Struktur hat und auf der internationalen Ebene begrenzt
handlungsfähig im Sinne der direkten Intervention zur Aufhebung der Hemmnisse
vor der Kapitalakkumulation auf Weltebene ist, haben längst multinationale
Konzerne die nationalen Grenzen überschritten. Sie handeln im Sinne der auf der
Welt herrschenden einheitlichen Klasse.[16]
Einer der Hauptunterschiede zwischen der heutigen Epoche und der Vorkriegsepoche
hinsichtlich der Produktionsverhältnisse besteht in der Art der Verteilung des
Mehrwerts auf der Weltebene. Während die Produktionsapparate bis zum 2.
Weltkriegs von Eigentum und Besitz her national waren, und daher die Konkurrenz
zwischen den nationalen Staaten begründeten, sind sie nach dem Krieg
überwiegend international geworden.[17]
Die Verschmelzung der nationalen Interessen über die multinationalen Konzerne
weisen auf die eigene Zeit und Geschichte diese Strukturen. Die
Nationalzentrenstaaten, als Kristallisierung der strategischen
Machtverhältnisse in einer Gesellschaft (Poulantzas, 1978), die wiederum ihre
Zeit haben, verfügen über das Instrumentarium, das die nationale
Akkumulationsgrundlage der immer noch bestehenden nationalen und
nationalimperialistischen Produktionsapparate aufbewahrt.
Durch die
Analyse der Überwindungsmechanismen der Krisen können die Art und Weise der Artikulation
verschiedener Instanzen verstanden werden, wobei die Artikulationsweise
bestimmt, wie sie einander beeinflussen, bestimmen und determinieren.
Die Tatsache,
dass diese multinationalen Unternehmen bevorzugen, in die mächtigen Staaten
einzuwandern, mindestens ihren Hauptsitz dort zu haben, wo der Staat am
mächtigsten ist,[18] zeigt
einerseits, wie wichtig die politische Garantie für die Verwertung des Kapitals
ist, andererseits bildet sie die Grundlage der nationalen Konkurrenz zwischen
Zentrenstaaten in der Gegenwart, deren Ergebnis (neben der militärischen Macht
und die ungleiche Entwicklung der "nationalen" Unternehmen) die
Hierarchie zwischen Zentrenstaaten bestimmt. Diese Einwanderungstendenz könnte
wie folgt begründet werden: Im Falle einer Krise, die den Akkumulationsprozess
auf Weltebene gefährdet, kann der mächtigste Staat im Sinne der Überwindung der
Krise weltweit intervenieren, wobei die kleineren dies nur beschränkt tun
können.
So kann
vorgestellt werden, dass der Staat, der den hegemonialen Platz in dieser
Hierarchie innehat (USA.), die bestehende Ordnung und die nicht mit einander
kompatiblen Staatsapparate und Produktionsapparate, nämlich multinationale
Produktionsapparate und nationale Staaten, aufgrund der ungleichen
Verteilung der Last und der Gewinne im Sinne der hegemonialen Macht verteidigt,
und versucht selbst, das Instrumentarium zur Intervention auf Weltebene zu
schaffen, wobei die Last möglicherweise auf untergeordnete Staaten überwälzt wird.
(Erinnern wir uns daran, dass die Deutschen mit 15 Mrd. DM finanziell an dem
Golfkrieg teilnahmen).
Im Gegenteil
dazu kann vorgestellt werden, je mehr wir uns von der Spitze der Hierarchie
nach unten bewegen, dass die Konkurrenz schärfer wird und die Forderung nach
einem Weltstaat, mit gleichen Rechten (sprich "gleiche" Last und
Gewinne) unter Zentrenstaaten lauter wird.
Die Krisen auf
Weltebene (wie z. B. die Wirtschaftskrisen in Ostasien und in Lateinamerika und
die politisch-ideologischen Krisen im Nahenosten), die aufgrund der relativ
selbstständigen Entwicklungen verschiedener Strukturen (wirtschaftlich und
nichtwirtschaftliche) und der ungleichen Entwicklung zu Stande kommen, also der
Ausdruck der Ungleichzeitigkeit sind, haben die andere Tendenz
(Gleichzeitigkeit) ins Spiel gebracht. Sie machen die Notwendigkeit der Anpassung
der Strukturen an einander deutlich und führen zur graduellen Entstehung der
Strukturen zur Stabilisierung der Bestehenden und die Institutionalisierung der
Vorgehensweise.
Die Krisen
sollen bekämpft werden, nicht wegen der Verluste dieses oder jenes Kapitalisten,
sondern weil dadurch das System in Gefahr gerät. In so fern das System durch
eine Krise nicht in Gefahr gerät, also keine strukturelle Welle zu Stande
kommt, verändert sich das System auch sichtbar nicht und eine Anpassung der
Strukturen aneinander ist nicht dringend notwendig (Ungleichzeitigkeit). Die
Art und Weise der Artikulation der verschiedenen Momente ist so, dass das Ganze
(hier Weltsystem) sich reproduzieren kann. Ist es nicht der Fall –eine
übergreifende wirtschaftliche Krise ist Anzeichen dafür-, heißt es, dass der "regulierende"
Apparat versagt oder ein spezifisch regulierender Apparat in einer der 3
Momente fehlt. So werden die interstrukturellen Zusammenhänge (Artikulation)
und intrastrukturellen Zusammenhänge verschiedener Apparate und Momente bestimmt:
Dominanz, Determinierung, Über- und Unterdeterminierung im Sinne des Systems. Die
konkrete Form, wie sich die Strukturen und interstrukturellen Zusammenhänge
entwickeln, hängt von den Feldern und den darauf gebildeten Machtverhältnissen
zwischen den sozialen Gruppen, Schichten und Klassen ab. Die
Entstehungsgeschichte der verschiedenen Staatsapparate (auf nationaler Ebene)
u. a. (z. B. Zentralbank in Zentrenstaaten) ist ein Beweis dafür. Jedes Feld
wird definiert durch das Objekt des Kampfes und die Kräfte, die an der
Bestimmung des Objekts, so oder so, Interesse haben. Beispiel: Die Zentralbank
in heutiger Form als ein Staatsapparat ist das Produkt des Kampfes zwischen
Banken und Nichtbanken (einschließlich den anderen Staatsapparaten selbst) in
der herrschenden Klasse (die strukturellen Machtverhältnisse) einerseits und
zwischen herrschenden und subalternen andererseits um die Bestimmung der Form
der Geldversorgung (über die Produktion des Geldkapitals). So kann die Funktion
der Zentralbank als "lender of last resort" als Dominanz der Banken unter
den Herrschenden verstanden werden. Jeder einzelne Produktionsapparat kann in
Illiquidität (demzufolge in dem Bankrott) geraten, und der Staat ist nicht
gezwungen, einzugreifen, wobei die Banken, wenn die Gefahr der Illiquidität da
ist, wenden sich an die Zentralbank (also an den Staat). Darüber hinaus kann ein
Moment der Funktion der Zentralbank (als Träger der Geldpolitik), welches als
Garant der Dominanz der gesamten herrschenden Klasse über die subalternen im
System interpretiert werden kann, indem sie den Herrschenden über eine Geldpolitik
(bestimmt durch sowohl strukturelle als auch unmittelbare Machtverhältnisse) dazu
verholfen wird, ein bestimmtes Reallohnniveau durchzusetzen. Es kann an Hand
der Entwicklungsgeschichte der Zentralbank nachgewiesen werden, dass diese
Strukturen im Laufe die Geschichte über die Krisen letztendlich gestaltet sind.
Betrachten wir die
drei Kriege und die dazu gehörenden Krisen in der heutigen Epoche und kratzen
wir an der Oberfläche, dann sehen wir, dass die drei Kriege (und die
widersprüchliche Einheit der Zentrenstaaten dabei) darauf abzielen, 1) die
Beziehung zwischen Peripherien und Zentren in der Frage der Gewalt (staatliche
Gewalt als Objekt des geöffneten Feldes) neu zu bestimmen. 2) Die drei Kriege
zeigen, dass die Form des Staates in einem Peripherieland (ein weiterer Aspekt
des Objekts im geöffneten Feld) nicht über die "internen" Kräfte zu
bestimmen ist.[19] Die erste
weist auf die Tendenz der Monopolisierung der Gewalt auf Weltebene und aufgrund
dessen die Entstehung der Weltstrukturen zur Gewaltanwendung (sprich Weltstaat)
hin, die im Einklang mit den Multis stehen, der zweite auf eine koloniale
Tendenz. Bei dieser Art Kolonialismus, also bei der Bestimmung des Staates im
Peripherieland sind im Vergleich mit der Kolonialismusepoche, wo ein
Zentrenstaat dies bestimmt hat, die Zentrenstaaten "gemeinsam" unter
Berücksichtigung des Ranges in der Welthierarchie beteiligt, daher
Globalkolonialismus. Das Entspricht der Struktur der Multis, die nicht mehr
diesem oder jenem Zentrum gehören, sondern der auf der Welt herrschende Klasse.
So wird aufgrund
der 3 Kriege in Frage gestellt, dass jeder Staat (Peripheriestaat) in seinem s.
g. Hoheitsgebiet das Monopol an Gewalt hat, weil diese Gewaltanwendung unter
bestimmten Bedingungen die Grundlage der Akkumulation auf Weltmaßstab gefährdet
werden könnte (Irak-Kuwait-Krieg).
In diesem
Prozess ist den Peripheriestaaten die Möglichkeit der Gewaltanwendung zur
Lösung der internen Krisen (Jugoslawien/Afghanistan) und zur Lösung der internationalen
Krisen (Irak-Kuwait-Krieg) tendenziell entzogen und diese an eine übernationale
Instanz (hier an USA oder Nato) inoffiziell übertragen worden. Das sollte als
ein Schritt in der Richtung der Gewaltmonopolisierung auf Weltebene (also die
Entstehung eines Weltstaats) verstanden werden, der die bestehende Peripherie-Zentrums-Hierarchie
und die Akkumulationsgrundlage der Multis sichert.
Assimilierungs-
und Disziplinierungsprozess
Abgesehen
davon, ob wir die Möglichkeit der Entstehung eines Weltstaats annehmen oder
nicht, sind die Assimilierungs- und Disziplinierungsprozesse auf Weltebene nicht
zu übersehen. Unter diesen Prozessen sind diejenigen zu verstehen, die die
Staaten in Peripherieländern dazu bringen, sich dem Modell der Zentren
anzupassen, falls sie damit nicht übereinstimmen, wie Irak, Iran, Kuba,
Libyen.... Zu unterscheiden ist zwischen Assimilations- und
Disziplinierungsprozess aufgrund der Mittel, die in diesem Prozess eingesetzt
werden. In einem Assimilationsprozess sind dominante Instrumentarien
„friedlicher“ Art, von Entwicklungshilfe bis zu Wirtschaftsblockade, das
Gegenteil von einem Disziplinierungsprozess, in welchem Gewaltanwendung
dominant ist. In der Regel ist eine Kombination von beiden in einem
Instrumentenbündel zu beobachten!
Iran befindet
sich in einem Assimilationsprozess; Jugoslawien hat einen Disziplinierungsprozess
hinter sich. Der Assimilationsprozess/Disziplinierungsprozess ist hinsichtlich
des Iraks noch nicht zu Ende. Diesen Prozessen liegen aus der Sicht der Zentren
zugrunde: 1) die Notwendigkeit der Berechenbarkeit, 2) die Notwendigkeit der
Uniformierung des Ideologischen und Kulturellen.
Der zweite
Grund selbst wird aus zwei folgenden Gründen notwendig: a) die Rolle der
öffentlichen Meinung in der Außenpolitik im Westen, b) die Rolle des
Ideologischen und Kulturellen im Prozess der Entstehung der Märkte und der
Abhängigkeit.
Zu 1) die
Berechenbarkeit: da die Unberechenbarkeit (wie die des Iraks) das Voraussehen
der Zukunft, das die Grundlage jeder Strategie oder der Planung ausmacht,
erschwert oder unmöglich macht. Die Berechenbarkeit des Verhaltens gehört zu
den Prinzipien des Krisenmanagements.
Die
Unberechenbarkeit produziert Unsicherheit und erhöht dadurch die immanente
Unsicherheit und Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. So gesehen, wird die
Unberechenbarkeit aufgrund der Erzeugung der Unsicherheit zu einem
Instabilitätsfaktor. In diesem Sinne wird das Prinzip der Berechenbarkeit zu
einem wesentlichen Bestandteil der Anforderungen der dominanten Zentren an
Peripheriestaaten. Im Unterschied zum Neokolonialismus, wo es reichte, dass die
Peripheriestaaten die Verwertungsbedingung des Kapitals absichern und sich je
nachdem loyal dem Westen oder dem Osten gegenüber verhalten, sind sie nun in
einer monopolaren Welt gezwungen, berechenbar in allen Hinsichten zu sein. Wenn
die Peripheriestaaten die Anforderung der Zentrenstaaten realisieren, nämlich
das Anpassungsprogramm von IWF durchführen, was fast alle Staaten in
Peripherieländern erfüllen, so erfüllen sie nur eine erste Bedingung. Wie wir
seit dem Zusammenbruch des Ostblocks erfahren haben, gibt es eine weitere
Bedingung, die sich darauf bezieht, wie die Peripheriestaaten sich in
Krisenzeiten verhalten. Sie sollen ein Stabilitätsfaktor im Sinne der
Aufrechterhaltung der Bestehenden Hierarchie sein. Die Realisierung dieses
Prinzips erfordert bestimmte Arten von Staaten und hängt davon ab, wie die
Machtverhältnisse innerhalb der Peripherie aussehen. Die Machtverhältnisse
selbst gehen einher mit den politischen, ideologischen und kulturellen
Bedingungen. In diesem Sinne ist der ideologische und politische Machtdiskurs
der Moslems, der so genannten Fundamentalisten, aufgrund der darin bestehenden
Unberechenbarkeit und der darin existierenden Instabilitätsfaktoren, als
herrschende Ideologie in der Peripherie nicht erwünscht.
Zu 2-a) Obwohl
es den Zentrenstaaten nicht schwer fällt, die Öffentlichkeit in eine
kriegerische Stimmung zu bringen – wie wir sahen: es gelang Fischer und Co.
sogar eine „pazifistische“ Partei, die Bündnis90/Grünen in eine
Kriegstreiberpartei zu verwandeln-, obgleich die Öffentlichkeit im Ernstfall im
Westen etwas Sekundäres ist, und man berücksichtigt, dass die sozialen
strategischen kommunikativen Wege unter der Kontrolle der Herrschenden sind, spielen
die politische und kulturelle Anpassung der Peripheriestaaten in der
Öffentlichkeit im Westen dennoch eine Rolle, besonders wenn die
außenpolitischen Gegebenheiten aus wahlpolitischen Kalkülen der Parteien
besonders in Europa thematisiert werden. Der Öffentlichkeitsgrund gewinnt
außerordentlich an Stellenwert in den Perioden, wo die internationalen strukturellen
Wellen ausgebrochen sind, wie in der Gegenwart, und die Herausbildung eines
Protektoratstaats, wie in Afghanistan, an der Tagesordnung steht, also in den
Perioden der direkten globalen Interventionen. In diesem Sinne ist ein
Assimilierungsprozess notwendig, damit der Peripheriestaat so aussieht, dass
wenn er in Gefahr gerät, egal, ob von Links oder von Rechts, die Intervention
in so ein Land legitimiert wird. Im Gegenteil aber verliert der
Assimilierungsprozess an Geschwindigkeit in den relativ ruhigeren Situationen,
z. B. wenn die Militärjuntas, wie beispielsweise in Algerien oder Pakistan, die
innenpolitisch gesehen dieselbe barbarische Politik durchführen, wie die nicht
assimilierten Staaten, die Anforderungen der Zentren im ökonomischen Bereich
erfüllen und keine bessere Alternative für die Zentren vorhanden ist. In dieser
Hinsicht wird z. B. die gegnerische Gruppe oder die Bevölkerung selbst so
dargestellt, wie am Bespiel Algerien und Pakistan, dass sie für eine Demokratie
(im Sinne des Wählens) nicht reif seien (ein neorassistisches Argument). Ein
Disziplinierungsprozess, ein kriegerischer Akt kommt in Frage, wenn wie im
Falle von Haiti die Bevölkerung doch reif gewesen ist, und das gewählt haben,
was dem Wunsch der Majestäten, der Zivilisierten à la Holocaust entsprach.
Zu 2-b) Der
zweite Grund für die Uniformierung des Ideologischen und Kulturellen ist ihre
Rolle für die Entstehung und die Aufrechterhaltung der Abhängigkeit.
Wenn in einem
Land eine Kluft zwischen Angebotsstruktur und Nachfragestruktur entstanden ist,
ist das Land auf dem richtigen Weg zur Abhängigkeit. Da die Gewohnheiten eines
Volkes und dessen Verhalten, insofern sie mit geografischen Gegebenheiten
nichts zu tun haben, abgesehen von der Rolle der letzten ökonomischen Instanz
in diesem Zusammenhang, hauptsächlich ideologisch und kulturell bestimmt
werden, wird die Veränderung solcher Gewohnheiten zur Voraussetzung des Drucks
von Unten zur Abhängigkeit, d. h. der Druck von Unten zur Entstehung der Märkte
für die Güter, die in der Peripherie selbst nicht produziert werden. Je größer
die Kluft zwischen Angebots- und Nachfragestruktur, desto größer der
Abhängigkeitsdruck von unten und desto abhängiger das Land. Die Entstehung des
Abhängigkeitsdrucks von unten in dem hier angesprochenen Sinne macht die
strategische Rolle der ideologischen und kulturellen Uniformierung klar. Da die
Veränderung des Ideologischen und des Kulturellen in einem Abhängigkeitsprozess
zunächst von oben vermittelt wird, wird die ideologische und kulturelle Uniformierung
des herrschenden Regimes zu einem strategischen Faktor.
In dieser
Hinsicht müssen die ideologischen und kulturellen Unterschiede ausradiert
werden, die das Konsumverhalten der Bevölkerung beeinflussen und daher ein
Hemmnis für die Bildung der Märkte für die Importgüter darstellen.
Ein Staat, der
sich hierzu nicht anpasst und in kultureller und ideologischer Hinsicht die
tolerierbaren Grenzen, im Falle der islamischen Länder Alkoholkonsum und
Schweinefleischverzehr, überschreitet, d. h. sich einem Assimilierungsprozess
entzieht, sollte durch einen Disziplinierungsprozess assimiliert werden. Der
Disziplinierungsprozess schließt von der Wirtschaftsblockade bis zu Krieg alles
ein.
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[1]Siehe dazu Hirsch (2000), Jessop (2000), Candeias (2000) Wissen (2000) in Argument 236, 2000 und die dazu von ihnen angegebene Literatur.
[2] Siehe Gramsci, eine Auswahl, hrg. Riechers, s. 322ff.
[3] Hier wird auf die Kategorie Semi-Peripherie einfachheitshalber verzichtet. Vergl. mit Wallerstein/Hopkins 1979.
[4]Aus Platzgründen ist die Darstellung der Periodisierung nicht möglich. Nur weise ich darauf hin, dass hier in der Entwicklungsgeschichte der Peripherien 3 Epoche unterschieden werden: Kolonialismus, Neokolonialismus und Globalkolonialismus. Die Grundlage der Periodisierung ist die Art und Weise, wie der einseitige Überschusstransfer (Werttransfer) von Peripherien in Zentren organisiert wird.
[5]Der Begriff „Währungshierarchie“ ist von der Berliner Schule übernommen worden (Riese und seinen Schülern Herr, (1992), Lüken gen. Klaßen (1993)), obwohl mit einer anderen theoretischen Grundlage, wonach die ökonomischen Prozesse auf nominale Prozesse nicht reduziert werden, wie es bei Berliner Schule der Fall ist.
[6]Siehe dazu Senghaas (1982)
[7]In folgendem ist einfachheitshalber vom Transformationsproblem und den Implikationen der Wert-Preis-Transformation abgesehen und im Rahmen der Werttheorie diskutiert. Hier liegt die Identität der Profitsumme und Mehrwertsumme zugrunde.
[8]Siehe dazu Cliff (1959).
[9]Siehe dazu Amin (1974).
[10]Siehe dazu Marini (1974).
[11]Siehe z. B. Henning Melber 1990.
[12] vgl. mit Lukacs 1970, besonders s. 161ff.
[13] Vgl. mit Rehmann, J./ Bosch H. 1979 und Nemitz, 1979.
[14] vgl. mit Althusser, 1972.
[15] Das gilt für die ökonomischen Krisen auch.
[16] Nimmt man
an, dass die politische Organisation ein Moment (oder Bedingung) in der
Entstehung einer Klasse wäre, dann könnte man sagen, dass es keine einheitliche Klasse auf
Weltebene gibt, und die Weltklasse erst heute mit der Realisierung der Tendenz
zur Entstehung eines Weltstaats , entsteht.
[17] Idealtypische gesehen kann man aufgrund der Eigentumsunterschiede und Akkumulationsgrundlage die folgenden Unternehmen unterscheiden: Multinationale, Nationale und nationale Unternehmen, die auf Weltmarkt tätig sind.
[18] Hirsch, J. 2000.
[19] Diese bringt die globalkolonialistische Beziehung des Verhältnisses zwischen Zentren und Peripherie zum Ausdruck, wodurch die Errungenschaften der Sublaternen in den Peripherieländern hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechts in vorangegangenen Epochen zu Nichte gemacht werden.